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Die Frühzeit der italienischen Malerei (German)
Robert Oertel
Herausgegeben von Fritz Ernst und Karl Gutbrod
W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart
248 pages, Softcover
Kunstwerke können Jahrhunderte hindurch schweigen, auch dann noch, wenn sie im historischen Sinne bekannt und in den Handbüchern der Kunstgeschichte verzeichnet sind. Sie brauchen den aufnahmebereiten Betrachter, um zu wirklichem Leben zu er- wachen. Sie bedürfen einer zweifachen geistigen Aneignung: vom Historischen her und aus einem lebendigen künstlerischen Empfinden heraus, das selbst geschichtlich bedingt und an seine - ja auch geschichtlich geprägte - Gegenwart gebunden ist. Nur wer bereit ist, beide Wege zu gehen, vermag den Schöpfungen einer weit zurückliegenden Vergangenheit wirklich nahe zu kommen. Man muß mit der heutigen Kunst vertraut sein, um die alte zu verstehen - aber man versteht das Vergangene nur, wenn man es geschichtlich sieht. Es gibt keinen unmittelbaren Zugang zur alten Kunst. Die Paradoxie alles geschichtlichen Verstehens haftet auch der Kunstgeschichte an; man muß diese Paradoxie erkennen und ertragen können, wenn man mehr als ein nur gefühlsmäßiges, zeitgebundenes Verhältnis zu den Werken vergangener Kunstepochen sucht. An Leser solcher Art wendet sich dieses Buch.
Die Wiederentdeckung der frühen italienischen Malerei hat eine Vorgeschichte, die etwa 150 Jahre zurückreicht. Ihre Anfänge liegen in der Romantik, der wir ja auch die Wiederentdeckung unserer eigenen mittelalterlichen Kunst verdanken. Zwar hat schon das 17. und 18. Jahrhundert wertvolle Vorarbeit dafür geleistet. Dem antiquarischen Interesse des Barockzeitalters verdanken wir eine Fülle von Nachrichten über mittelalterliche Kunstwerke, und mehr noch: eine lange Reihe von heute verlorenen Denkmälern ältester Malerei und Mosaikkunst wurde damals in Stichen und Nachzeichnungen festgehalten - Nachbildungen, die zu unentbehrlichen Dokumenten für die heutige Forschung geworden sind. Doch erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts verwandelte sich die antiquarische Betrachtungsweise in eine echt historische. Damals zuerst haben italienische Gelehrte eine systematische Urkundenforschung im Dienst der Kunstgeschichte auch der mittelalterlichen betrieben; ein erstaunlicher Vorgang, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die klassizistische Doktrin für ein tieferes Verständnis mittelalterlicher Kunstwerke noch keinen Raum ließ. Deutsche Maler nazarenischer Richtung waren die ersten, die den Weg zu einer tiefer dringenden künstlerischen Einfühlung in die Werke der altitalienischen Meister öffneten. Eine kleine Anzahl weit blickender Sammler folgte ihrer Anregung. Der bekannteste von ihnen ist Johann Anton Ramboux, selbst ein nicht unbedeutender Maler und in späteren Jahren Konservator des Wallraf-Richartz-Museums in Köln. Während seine Sammlung schon längst in alle Winde zerstreut ist, ist die des Barons Bernhard von Lindenau im Museum in Altenburg noch vollzählig beisammen. Sie gehört auch heute noch - nachdem die großen Museen in aller Welt sich dieses Sammelgebietes bemächtigt haben den bedeutendsten ihrer Art außerhalb Italiens. Im Katalog seiner Sammlung schrieb der Stifter des Altenburger Museums, er habe sich den “Vor-Raphaelschen Malereien" zugewandt, “weil diesen Gemälden ein Ausdruck von Innigkeit und Frömmigkeit beiwohnt, wie er in keinem anderen Zeitabschnitte vorkommt".
Die breite Welle der Renaissance-Begeisterung, die das spätere 19. Jahrhundert erfüllte, überdeckte zunächst diese Keime eines echten Verständnisses für die Kunst der Frühzeit. Diese wurde nun einseitig als „Vorstufe zur Renaissance" gedeutet, wie es Henry Thode in seinem Buch über Franz von Assisi (1885) versucht hat. Das Interesse, das man Giotto und seiner Zeit damals entgegenbrachte, war mehr geistesgeschichtlicher als künstlerischer Art. Erst in unserem Jahrhundert, vor allem durch das Verdienst von Friedrich Rintelen, ist Giotto wieder als Künstler für uns lebendig geworden. Und die geistigen Kräfte, die von ihm ausgehen, sind noch stetig im Wachsen. Giotto steht deshalb im Mittelpunkt der vorliegenden Darstellung. Ihr Thema ist in großen Zügen gesehen - der Weg, der zu ihm hinführt, der mächtige, erst neuerdings sichtbar gewordene Umriß seiner geschichtlichen Gestalt, die breite stilbildende Wirkung, die von ihm ausging.
Zum guten Teil handelt es sich dabei um Erkenntnisse neuesten Datums. Die Giotto-Monographie von Rintelen (1912) ist zwar das unverlierbare Dokument einer geistigen Aneignung, die erste und noch heute gültige Deutung Giottos aus dem Empfinden unserer eigenen Zeit heraus. Aber eben weil Rintelen das Gegenwärtige in Giottos Kunst mit so sicherem Blick erfaßte, weil er ihn aus der Vergessenheit einer bloß historischen Sicht befreite, blieb ihm die echte Geschichtlichkeit Giottos, seine entwicklungsmäßige Bedingtheit, die volle Spannweite seines Werdens und seiner Wirkung zunächst noch verborgen. Erst beides zusammen, Geschichtlichkeit und geistig-künstlerische Gegenwart, macht das Ganze unseres heutigen Giottobildes aus. Etwas von beidem möchte der vorliegende Versuch dem Leser vermitteln.
In besonderem Maße gilt das eingangs Gesagte für den einleitenden Abschnitt unseres Buches. Die italienische Malerei vor Giotto, vor allem die reiche und charakteristische Tafelmalerei des 12. und 13. Jahrhunderts ist auf weite Strecken erst im Laufe der letzten Jahrzehnte von der kunstgeschichtlichen Forschung wiederentdeckt worden. Dieser Vorgang ist noch nicht abgeschlossen. Immer wieder kommen Werke jener Epoche ans Licht, die bisher unbeachtet oder unter späteren Übermalungen versteckt geblieben waren. Ebenso sind Denkmäler der Wandmalerei, darunter solche von höchstem Rang und einmaliger kunstgeschichtlicher Bedeutung, erst in allerneuester Zeit wiederaufgefunden worden. Das Hauptverdienst an diesen Entdeckungen kommt der sehr aktiven und verantwortungsbewußten italienischen Denkmalpflege zu. An der Auswertung der Funde ist neben der italienischen auch eine weit verzweigte internationale Forschung beteiligt. Zu den Aufgaben, die unsere Darstellung sich stellen mußte, gehörte es deshalb, auf die wichtigsten dieser neuen Funde und Erkenntnisse hinzuweisen und einen Einblick in die jüngsten Forschungsergebnisse zu ermöglichen. Dieser Aufgabe dient vor allem der Anmerkungsteil, in dem nicht Vollständigkeit der Nachweise, sondern Heraushebung des Wesentlichen erstrebt ist. Ein besonderes Anliegen des Verfassers wie des Verlages war die Ausgestaltung des diesem Bande beigegebenen Abbildungsanhangs. In ihm wurde versucht, neben unentbehrlichen Hauptwerken auch weniger oder noch kaum Bekanntes zu zeigen. Hinweise auf weiteres, leicht erreichbares Bildmaterial sind in den Anmerkungen zu finden.
Inhaltsverzeichnis
Einführung
Christliche Antike und frühes Mittelalter
Das 11. und 12. Jahrhundert
Früheste toskanische Tafelmalerei
Florenz und Siena im Duecento
Assisi und Rom
Giottos Anfänge
Giotto und seine Schüler
Duccio
Simone Martini
Pietro und Ambrogio Lorenzetti
Orcagna und sein Kreis
Triumph des Todes
Ausklang des Trecento in Florenz
Trecentistische Malerei außerhalb Toskanas
Anmerkungen
Verzeichnis der Künstlernamen
Verzeichnis der Ortsnamen
Verzeichnis der Abbildungen
Nachweis der Bildvorlagen